An den Richter des Innersten

Ich bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug,
um jede Stunde zu weihn.
Ich bin auf der Welt zu gering und doch nicht klein genug,
um vor dir zu sein wie ein Ding,
dunkel und klug.
Ich will meinen Willen und will meinen Willen begleiten
die Wege zur Tat;
und will in stillen, irgendwie zögernden Zeiten,
wenn etwas naht,
unter den Wissenden sein
oder allein.

Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt,
und will niemals blind sein oder zu alt,
um dein schweres schwankendes Bild zu halten.
Ich will mich entfalten.
Nirgends will ich gebogen bleiben,
denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.
Und ich will meinen Sinn
wahr vor dir. Ich will mich beschreiben
wie ein Bild, das ich sah,
lange und nah,
wie ein Wort, das ich begriff,
wie meinen täglichen Krug,
wie meiner Mutter Gesicht,
wie ein Schiff,
das mich trug
durch den tödlichsten Sturm.

Du siehst, ich will viel.
Vielleicht will ich Alles:
das Dunkel jedes unendlichen Falles
und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.

Auszug aus „Das Stunden-Buch, Erstes Buch“ – Rainer Maria Rilke

Zerbrechende Hüllen

Lass sie frei!

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Sperre sie nicht ein…
du solltest wissen, dass dir das nicht bekommen wird. Sie wird zu Grunde gehen. Sie kann ihren Willen nicht aufgeben. Weil ihre Entscheidungen ihr gehören sollten. Weil sie diejenige ist, die über ihr Leben bestimmen sollte.
Sie wird ihren Körper zurücklassen. Aus ihrem Leben austreten und außerhalb dieser Hülle frei sein. Sie selbst.
Unabhängig von anderen.
Glücklich in ihrer Einsamkeit.
Zäh und wild und ungezähmt.
Nimm sie dir mit Gewalt und du wirst sie zerbrechen.
Und du solltest aufpassen, denn ihre Scherben, werden auch dir Wunden schneiden. Auch du wirst nicht heil davonkommen, wenn sie am Boden liegt und sich nicht mehr rührt. Wenn du siehst, was du angerichtet hast.

Wenn der Schnee langsam alles bedeckt…

Buntscheckige Fetzen

 
Nous somme tous de lopins et d’une contexture si informe et diverse, que chaque piece, chaque momant, faict son jeu. Et se trouve autant de difference de nous à nous mesmes, que de nous à autruy.

– Michael de Montaigne

 

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Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen, dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will; daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den anderen.

 

Jahrestage

Eine Gelegenheit, um aus einem anderen Blickwinkel auf die Erfahrungen zu sehen…

 

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Nur wer die Leier schon hob
auch unter Schatten,
darf das unendliche Lob
ahnend erstatten.

 
Nur wer mit Toten vom Mohn
aß, von dem ihren,
wird nicht den leisesten Ton
wieder verlieren.

 
Mag auch die Spieglung im Teich
oft uns verschwimmen:
Wisse das Bild.

 
Erst in dem Doppelbereich
werden die Stimmen
ewig und mild.

Sonette an Orpheus, IX – Rainer Maria Rilke